YASEMIN - die Wohlduftende
Nun lebt Yasemin seit fünf Monaten bei uns, und jeder Tag ist eine Bereicherung unseres Lebens. Wenn man sie anschaut, vergisst man, wie schwer es für sie, meine Frau und mich war, Vertrauen zueinander zu fassen. Was hatte diese Hündin bisher alles erleiden müssen? Wir werden es nie erfahren.
Wie begann unser gemeinsames Leben?
Mit großen Schmerzen denken wir noch immer an unsere „Schary“, welche nach kurzer Krankheit im Juli 2001 verstarb. Einen neuen Hund konnten wir uns noch nicht wieder vorstellen. Eine meiner Mitarbeiterinnen erfuhr von Scharys Schicksal und gab mir den Hinweis, doch einmal bei einer Mitarbeiterin des Vereins „Collie in Not“ in Hagen anzurufen. Bei dem Verein in der Nähe von Papenburg wären Hunde, die dringend Hilfe benötigen würden.
Zunächst lehnte ich ab. Doch am nächsten Vormittag rief ich schon an. Ich erfuhr, dass bei „Collie in Not“ eine Hündin mit Namen Celem sei, die ein Zuhause suchen würde. Man übermittelte mir auch ein Bild aus dem Internet von dieser Hündin, welche sehr abgemagert und traurig aussah. Celem berührte unser Herz, und wir waren uns einig, wir wollten ihr helfen.
Am folgenden Sonntagvormittag standen wir schon vor der Haustür von Familie Koopmann. Was für ein toller Empfang in dieser Insel des Lebens für die Tiere. Nach und nach stellte man uns die Bewohner vor: Celem, Mitra, Julius und die anderen. Aber was war das für eine Celem?? Keine Ähnlichkeit mehr mit dem Internetfoto. Eine lebensfrohe und gepflegte Hündin stand vor uns. Dies war kein Problemfall mehr. Nein, einen dringenden Problemfall gab es, und den hatte man uns noch nicht gezeigt. Es war Yasemin aus Antalya/Türkei, 2 Jahre alt, schwer misshandelt. Vor jedem Menschen hatte sie Angst und bedurfte doch so dringend der Hilfe. Ihre rechte Hüfte war gebrochen uns sollte durch ein künstliches Gelenk ersetzt werden. Sie konnte nur mit starken Schmerzmitteln gut laufen. Eine Operation war aber erst möglich, wenn sie Vertrauen zu ihrer neuen Familie aufgebaut hatte und so auch die Nachsorge erfolgen konnte.
Als Yasemin uns fremde Menschen sah, lief sie sofort ins Außengehege. Vor Angst wusste sie nicht mehr, wohin sie sich wenden sollte. Wie sollten wir je das Vertrauen dieser Hündin gewinnen? Wir besprachen mit Familie Koopmann die weitere Vorgehensweise. Yasemin musste uns kennen lernen, und so beschlossen wir, am Donnerstag wieder zu kommen und das Wochenende mit ihr zu verbringen.
Unser Wohnmobil parkte neben ihrem Zaun, und Petra und ich verbrachten die Tage bei ihr - meistens ganz still draußen im Gras sitzend - Sonnenbrand eingeschlossen! Aber nähern durften wir uns Yasemin nicht. Andauernd wich sie unseren Annäherungsversuchen aus und wollte sich in jede Ecke verkriechen. Sonntags gelang es Petra endlich, sie zu streicheln. Die großen Augen waren immer noch voller Furcht. Ich durfte mich aber nicht bewegen, geschweige denn näher kommen.
Montags verabschiedeten wir uns von Yasemin mit dem Versprechen, ihr zu helfen.
Zunächst musste unser Grundstück eingezäunt werden, denn Yasemin brauchte Auslauf, und an Halsband und Leine war noch lange nicht zu denken. Am ersten Samstag im September, zwei Wochen nach dem ersten Kennenlernen, konnte ich Frau Koopmann abends telefonisch berichten: In einer Stunde ist der Zaun fertig! Am Sonntagvormittag stand Herr Koopmann mit seinem roten Collie-Mobil vor unserer Haustür und trug Yasemin auf seinen Armen ins Haus. Aber hier war noch ein Hindernis zu überwinden. Wie reagierten unsere drei „Stubentiger“ bezw. wie reagierte Yasemin auf sie? Die Spannung war groß, als Herr Koopmann Yasemin im Wohnzimmer ablegte. Das „Ablegen“ ist wörtlich zu nehmen, denn sie blieb vor Angst zunächst liegen: „Was passiert jetzt mit mir?“ Ihre großen angstvollen Augen werden wir wohl nie vergessen. Dann kam Sancho, unser kleiner schwarzer Teufel, um die Ecke. Schary und sie waren die besten Freunde gewesen, und sie trauerte noch um sie. Seit Scharys Tod hatte sie ihr Spielzeug nicht mehr beachtet. Nun lag ein großer Hund auf dem Teppich. Sancho ging zielstrebig auf diesen Hund zu und roch an Yasemins Nase. Und Yasemin? Keine Reaktion, sie ließ sich die Annäherung gefallen. Uns fiel ein Stein vom Herzen. Sancho war so von dem neuen Hund fasziniert, dass sie voller Freude durchs Wohnzimmer turnte. - Auch mit Omi und Habibi gab es später keine Probleme.
Es begann eine schwierige Zeit für uns. Yasemin bestand nur aus Angst, und so manchmal dachte ich, dass wir es nie schaffen würden, das Vertrauen des Hundes zu gewinnen. So vergingen die Tage und Wochen. Streicheln konnte ich Yasemin nur, wenn sie sich so in eine Ecke drängte, dass sie nicht flüchten konnte. Frau Gräfenstein musste uns machen telefonischen Rat geben, und der letzte Satz lautete immer: Sie müssen viel Geduld haben. An ein Anleinen, um mit Yasemin einmal das Grundstück zu verlassen, wäre vor einem halben Jahr nicht zu denken. Diese Aussagen waren nicht ermutigend.
Petra und ich wühlten in der Literatur, um evtl. auch hier Lösungswege zu finden. Hierzu gehörte dann auch, über andere Hunde das Vertrauen von Yasemin zu erlangen. Dabei half uns Waldi, ein Nachbarterrier. So oft es ging, verweilte dieser bei uns auf dem Grundstück und Yasemin spielte mit ihm.
Petra war es dann gelungen, Yasemins Vertrauen zu erlangen, - zunächst zaghaft, aber zumindest näherte sich Yasemin ihr und ließ sich streicheln. Aber ich war noch immer außen vor. Ich durfte mich nicht bewegen, ohne dass Yasemin fortlief. Dann kam „Belem“, der portugiesische Findelhund unserer Freunde. Belem schmiegte sich an mich und spielte mit mir auf der Wiese. Und hier brach der Bann. Yasemin nahm ihren ganzen Mut zusammen und näherte sich mir. Ich durfte sie im Beisein von Belem anfassen. Von da an fasste sie langsam, ganz langsam, jeden Tag mehr Vertrauen zu mir. Hinzu kommt, dass sie ihre Mahlzeiten ausschließlich von mir aus der Hand bekam. Diesen Rat hatten wir von Frau Gräfenstein.
Auf dem Grundstück bewegte sich Yasemin nun frei und spielte, aber sie musste auch das Leben außerhalb kennen lernen. Die Gewöhnung an ein Brustgeschirr ging schnell. Aber die Leine!!! Stocksteif wurde sie. Erneuter Anruf bei Frau Gräfenstein. Mit Locken und Leckerchen würden wir es schaffen - viel Geduld und Meter für Meter.
Es war die zweite Woche im Oktober, es dunkelte und auf der Straße war es ruhig. Dieses war die Gelegenheit. Ich klinkte die Leine ein, nahm Yasemin auf den Arm und trug sie auf die Straße. Schritt für Schritt gingen wir mit ihr ca. 20 Meter, dann erhielt sie Leckerchen und wurde beschmust. Der ganze Hund zitterte. So standen wir einige Minuten, dann ging es zurück zum Haus. Wiederholung war für den kommenden Tag angesetzt. Und siehe da, Yasemin folgte uns Schritt für Schritt, immer Leckerchen vor der Nase, und wir umrundeten unser Wohnviertel. Yasemin lernte fremde Gerüche kennen und wurde bei jedem Schritt mutiger. Von nun an waren die täglichen Fortschritte enorm, und jedesmal wurde der Familie Koopmann telefonisch davon berichtet.
Yasemin lernte das Leben kennen, Auto fahren, Restaurantbesuche, und man merkte ihr an, wie sie alles in sich aufnahm und das genoss, was sie bisher vermissen musste.
Im Dezember fuhren wir gemeinsam an die Küste nach Belgien, ein Lieblingsort unserer Schary. Wie würde Yasemin reagieren? Hatte sie auch die Freude am Herumtollen im Sand? Und sie hatte! Nun versuchte ich ein neues Experiment. Wie würde sich Yasemin ohne Leine verhalten? In einem Bereich, wo sie nicht weit fort konnte, klinkte ich die Leine aus. Sie rannte los, Runde um Runde um mich herum, schnell ein paar Löcher gebuddelt, dann wieder gelaufen. Was für eine Freude - das konnte nicht die Yasemin sein, die wir im August kennen gelernt hatten! Als ich sie rief, kam sie zu mir, als ob sie es nie anders gelernt hätte. Ja, Yasemin hatte mich als Teil „ihrer“ Familie akzeptiert.
Mit Schary hatte ich eine große Leidenschaft gemeinsam - das Joggen im Wald. Nun versuchte ich auch einmal einen Waldlauf mit Yasemin. Sie war begeistert bei der Sache, und so begann unsere Zeit der fast täglichen Joggingrunden. Schon wenn ich mir die Sportschuhe anzog, stand sie in wartender Position und verdeutlichte durch Laute, dass ich sie nicht vergessen durfte.
Uns stand aber noch eine schlimme Sache bevor: Yasemins Hüfte. Wir wussten, dass wir das Problem direkt im neuen Jahr angehen mussten. Bereits im November hatten wir begonnen, die Schmerzmittel langsam zu reduzieren, ohne dass sich ihr Laufverhalten veränderte. Wir vereinbarten einen Termin in einer Klinik. Hoffnung und Angst begleiteten uns. Wie wird die Diagnose sein? Yasemin war geduldig. Sie wurde untersucht und geröntgt. Dann wurden uns die Aufnahmen der Hüfte und der Hinterläufe erläutert. Ja, auch wir Laien erkannten, dass ein Bruch der rechten Hüfte vorlag. Aber jetzt hatte die Natur ein Wunder vollbracht. Durch ständige Bewegung der Knorpelmasse hatte sich ein künstliches Gelenk geschliffen. Und Yasemin hatte auch ohne Medikamente keine Schmerzen mehr. Was für eine Erleichterung! Nur konnte man uns nicht vorhersagen, ob dies für ihr ganzes, hoffentlich sehr langes Leben so bleibt. Irgendwann könnten Beschwerden auftreten, müssen aber nicht. Dann kann ihr immer noch operative Hilfe zuteil werden, und diese wird sie dann auch erhalten.
Yasemin ist unser großes Glück, und wir sind froh, dass wir sie kennen gelernt haben. Petra und ich freuen uns über jeden gemeinsamen Tag mit ihr. Ein Leben ohne sie ist nicht mehr vorstellbar.
Viele Grüße, Petra und Rüdiger K.