VON DER KUNST, AN FREMDEM GLÜCK ZU PARTIZIPIEREN
(Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder tatsächlichen Ereignissen sind nicht rein zufällig und nicht unbeabsichtigt.)
Es lebte einmal im Hasenland eine glückliche Hasenfamilie. Papa Nick und seine Frau Grete waren stolz auf ihre wohlgeratenen Kinderchen, sie arbeiteten gern und fleißig und gaben, da sie ein mitfühlendes Herz hatten, mit Freuden den Armen, die an ihre Türe klopften.
Die Kinderchen wurden groß, gründeten eigene Familien, und das Häuschen von Papa Nick und Mama Grete wurde leer und leerer. Da sprach Mama Grete:
<<Liebster Nick, das Leben hat es immer sehr gut mit uns gemeint. Aber es gibt so viele Kinderchen, die kein Zuhause haben. Wollen wir nicht unser Häuschen öffnen für einige von ihnen, auf dass das Glück auch bei ihnen einkehre?>>
<<Hm, hm>>, sprach Papa Nick, <<recht gedacht, meine liebste Grete, so wollen wir es tun.>>
In Windeseile verbreitete sich die Nachricht, und von überall her brachte man ins Hasenland die Heimatlosen, die Vögel und die Echsen, die Hunde und die Katzen, die Mäuslein und die Kälbchen.
Als der Esel Jako von den Wohltätigkeiten der Haseneltern hörte, sattelte er seine größten Taschen, zog von Haus zu Haus der Reichen und sammelte Vorräte aller Arten, die Papa Nick und Mama Grete voller Dankbarkeit in ihrem Vorratsspeicher lagerten.
<<Nun können wir alle unsere Pfleglinge sättigen>>, freuten sie sich. <<Oh wie schön, dass es so viel Güte und Liebe auf der Erde gibt!>>
Eines Tages klopfte Wonni, die Schlange, an die Tür des Hasenhäuschens.
<<Tzzzz, tzzzz>>, zischelte sie und bemühte sich um ein besonders freundliches Grinsen. <<Ach, welch trautes Heim. Ich bin gekommen, meine Hilfe anzzzzubieten. Gern will ich mich kümmern, die Kinderchen versorgen, ihre Zzzzimmerchen putzzzzen, ihnen das Essen reichen und ihnen Geschichten erzzzzählen. Keinen Dank und keinen Lohn erwarte ich dafür, ihr Glück sei auch mein Glück, tzzzz, tzzzz.>>
Oh welch' Freude herrschte da im Hasenhäuschen. Wonni, die Schlange, dünkte Papa Nick und Mama Grete wie ein Geschenk des Himmels. Aber ach, dunkle Wolken brauten sich über dem Hasenhäuschen zusammen. Nach einigen Tagen des trügerischen Friedens sprach Wonni, die Schlage, zu Mama Grete:
<<Ach, liebe Freundin, niemand besitzzzzt ein besser gefülltes Vorratslager als Ihr, ähm, hrm, alles natürlich nur zum Nutzzzzen der armen kleinen Kinderchen, tzzzz, tzzzz. Aber seht, liebe, liebste Freundin, geschuftet habe ich für Euch bis zzzzur völligen Erschöpfung, keine Zzzzeit blieb mir, für meine eigenen Vorräte zzzzu sorgen. Nun erbitte ich von Euch meinen zzzzugesagten Lohn, ich dachte bescheiden, tzzzz, tzzzz, etwa an die Hälfte aus Eurer Kammer. Die zzzzweite Hälfte ist immer noch genug für Eure nichtsnutzzzz... ähm, hrm, armen lieben Kinderchen. Hehe, tzzzz, tzzzz.>>
Wie erschrak Mama Grete bei diesen Worten. Flehend reckte sie die Hände gen Himmel.
<<Aber, liebe Wonni, keinen Lohn wolltest Du doch für Deine Wohltaten erhalten, sondern Dich am Glück der Kinderchen erfreuen.>> Unter Tränen sprach Mama Grete diese Worte. Hoch auf richtete sich da Wonni, die Schlange, drohend pendelte sie mit ihrem vor Wut hochroten Kopfe vor Mama Gretes Augen von rechts nach links, von links nach rechts und zischte:
<<Zzzzum Teufel, zzzzur Hölle, zzzzwei Tage gebe ich Euch Zzzzeit zzzzur Lieferung der Köstlichkeiten, dann verklage ich Euch beim Obersten Rat und schicke Euch die Rhinozzzzeros-Schuldeneintreiber-Truppe. Tzzzz tzzzz tzzzzzzzzzzzzzzzzzz.>>
Das flehentliche Weinen von Mama Grete, Papa Nick und den armen Kinderchen hörten die Vögel des Waldes und verbreiteten die schlimme Kunde bis in den letzten Winkel des Erdenreiches. Da machten sich auf den Weg ins Hasenland Flinki das Eichhörnchen, Jako der Esel, Berta die Henne mit Kilian dem Hahn, der seit einem peinlichen Zwischenfall mit dem Junghahn Willi aus dem Nachbarort zeugungsunfähig war und deshalb mit seinem treuen Weibe zusammen ein Kindchen von Mama Grete und Papa Nick adoptiert hatte, es kamen auch Bulli der Hund, Sissi die Grille und viele, viele andere dazu.
<<Welch ein Unglück>>, gackerte die Henne Berta, setzte sich nieder und legte schnell ein Ei, das Kilian, der Hahn, mit einer artigen Verbeugung Mama Grete überreichte.
<<Hab Euss auch was mitdepracht>>, lispelte Flinki, das Eichhörnchen und spuckte zwei feine Nüsslein vor Mama Gretes Füße.
<<Ja ja ja, wo ein Paradies ist, ist die Schlange nicht weit>>, philosophierte Jako, der Esel, und schüttelte aus seiner Mähne einige Halme duftendes Heu.
<<Grrrmmm, brruaaa, dieser Schlange möchte ich rmbrambrgrrrr>>, grummelte Bulli, der Hund, und trennte sich mit leisem Bedauern von seinem Knochen, den er als Wegzehrung mitgenommen hatte.
Da fassten Mama Grete, Papa Nick und die Kinderchen sich an den Händen, beteten und baten Gott, Wonni der Schlange zu vergeben. Und es kehrte eine große Ruhe in ihre Herzen ein, denn sie wussten: SIE HATTEN FREUNDE!
(M. Koopmann)