MITTERNACHTSÜBUNG
Es ist spät geworden. Wir haben gesessen, geredet, die Zeit ist verflogen. Die Gewohnheit schreibt vor, dass Herrchen die Gutenachtrunde mit dem Hund macht. Dieser kleine Rundgang führt unweit unseres Wohnquartiers über einen Steg, am verträumt murmelnden Bach entlang und über eine kleine Brücke zurück. Normalzeit eine Viertelstunde.
Die menschliche Zivilisation reicht nicht über den Bach hinaus, zumindest nicht in Form von Beleuchtung. Einzig der Mond bescheint den wunderhübschen Weg, und der Gute hat heute nacht offensichtlich auch keinen Strom. Mit meinen ohnehin etwas fragwürdigen Orientierungssinn würde ich in nächtlicher Dunkelheit vermutlich eher auf der anderen Gotthardseite ankommen, niemals aber zuhause. Fast ist anzunehmen, dass heute nacht meinen Gatten ebendieses Schicksal ereilt hat, denn er und mein Hund sind mittlerweile bald eine Stunde überfällig.
Erleichtert schäle ich den Hund aus dem Halsband, als die beiden durch wundersame Fügung doch noch erscheinen. Mein sonst eher souverän-männlicher Ehemann macht einen leicht verwirrten Eindruck, und ich will natürlich wissen, welch besondere Umstände seine Gutenachtrunde dermaßen verlängert haben.
Man kann seine Schlüssel überall verlieren. Am spannendsten jedoch ist das gewiss auf dieser schwarzumnachteten Strecke. Natürlich bemerkt man den Verlust erst, wenn man vor der verschlossenen Haustüre steht und in der leeren Tasche grapscht. Also zurück auf Schlüsselsuche. Schritt für Schritt den gleichen Weg nochmals. Man sieht nicht mal die Hand vor Augen, geschweige die Schlüssel, welche auf boshafte Art ungehört aus der Hosentasche gerutscht sind. Ein sinnloses Unterfangen ohne Katzenaugen und mit menschlicher Nachtblindheit.
Plötzlich hebt der Hund den Kopf und schießt davon, ab in die Dunkelheit. Auch das noch, denkt der Mensch fluchend, jetzt steh ich schon da ohne Schlüssel und ohne Hund. Doch schon ist der Vierbeiner zurück, eine grau-weiße, schemenhafte Gestalt. Und in seinem Fang klimpern fröhlich die Schlüssel.
Erleichterung und schwanzloses Wedeln. Gut gemacht, Kumpel. Aber woher wusstest du denn, wonach ich suche? Weder habe ich dich auf die Suche geschickt, noch haben wir etwas ähnliches jemals miteinander geübt. Anerkennendes Beklopfen auf der einen, freundlich-bescheidenes Lächeln auf der anderen Seite. Was ist schon dabei? Mich wundert lediglich, warum Herrchen die Schlüssel nicht selber gewittert hat. Meine Hundenase braucht keine Erleuchtung.
Superhund!
Eingesandt von Gertrud Kirchmair, Ammerswil/Schweiz