Kleiner Spatz oder eine Pfingstgeschichte
(Eine wahre Geschichte)
Angefangen hat alles am Freitag vor Pfingsten. Wir (mein Mann, ich und unsere Collienase) saßen auf der Terrasse und genossen das tolle Wetter. Plötzlich flatterte etwas heftig im oberen Bogen des Fallrohres. Wir schauten uns an, kein Zweifel, da war so ein dusseliger Vogel ins Fallrohr gerutscht. Also los und beim Nachbarn die große Leiter geholt. Noch während wir versuchten, sie an der Hauswand hoch zu wuchten, hörten wir, wie der Vogel das Fallrohr hinunter rutschte.
Was nun? Ans Fallrohr kamen wir nicht. Der Revisionsschacht auf der Terrasse! Wir also den Deckel hochgewuchtet, damit Licht rein fällt und gewartet - nichts passierte. Offenlassen konnten wir den Deckel nicht, da die Gefahr bestand, dass der wilde kleine Collie da reinfällt oder ein anderer nächtlich rumschleichender Vierbeiner. Ich also das Kompostsieb geholt und drüber gedeckt.
Am nächsten Morgen galt unser erster Blick natürlich dem Schacht - nichts zu sehen. Mein Mann meinte, dass der Vogel den Absturz wohl nicht überlebt hat. Aber so schnell wollte ich nicht aufgeben. Das Gitter blieb auf dem Schacht.
Gegen Mittag schaute ich aus der Terrassentür und traute meinen Augen nicht. - Sprang eine Katze aufs Gitter und die Federn flogen. Ich die Tür aufgerissen und mit Collienases Hilfe die Katze verscheucht. In den Schacht geschaut und wirklich, da saß ein Spatz und um uns rum lagen so etwa 10 große Schwungfedern - Sch...... .
Jetzt war guter Rat teuer, wie den flugunfähigen Vogel da rausbekommen? Ich rannte los (barfuß wie ich war, und stieß mir ganz höllisch den Zeh an der Steintreppe) und holte den Kescher aus dem Garten. Den Kescher ins Loch gehalten und gewartet, denn der Vogel war inzwischen weg. Nach einiger Zeit kam er wieder ins Licht gehüpft. Ich versuchte, ihn mit dem Kescher zu fangen - aussichtslos, der war viel zu flink.
Das Spielchen wiederholte ich im Laufe des Nachmittags mehrfach. In der Zwischenzeit tauchte die Katze mit Verstärkung wieder auf, aber beim Anblick des bellenden Hundes zogen sie es doch vor zu verschwinden. Dann habe ich ein Vogelnetz kaputt geschnitten und an den vier Ecken eine Schnur befestigt, runter gelassen in den Schacht und Sonnenblumenkerne drauf gestreut. Der Vogel saß auf dem Netz, ich hochgezogen und der Vogel war wieder runter vom Netz. Wenn sich mal einer in diesen Dingern verhäddern soll! Wie oft hingen die Vögel in den Dingern, wenn man sie über Büsche spannt?? Das Spielchen wiederholten wir etliche Male ohne Erfolg.
Zwischenzeitlich beobachtete ich, wie die Spatzen im Garten an meinen Gerüststangen turnten. Ich also ein paar Stangen geholt und ins Loch gestellt, vielleicht kann er ja rauf laufen? Nichts passierte, der kleine Vogel machte keine Anstalten zu fliegen oder zu klettern, saß ab und an am Schachtboden und schaute mit großen Augen rauf.
Ich hatte in der Zwischenzeit die Transportkiste geholt (die ist gelöchert drum herum) und Heu rein getan (irgendwo musste der Vogel ja wohnen, wenn wir ihn bekamen). Ich ging in den Keller um Vogelfutter zu holen und traute meinen Augen nicht, saß im Kellerabgang im Wasserablauf ein kleiner Spatz. Kaum Schwanzfedern und winzig. Ich zurück, den Kescher geholt, den Spatz gefangen und im Garten ausgesetzt.
Nach einiger Zeit habe ich nachgeschaut, da hing der kleine Spatz kopfüber in einem Busch. Er hatte sich Haare, Spinnweben und noch einiges mehr um den Fuß gewickelt. Also den Vogel wieder gefangen und mit der Nagelschere vom Unrat befreit. Jetzt saß der kleine Spatz in der Kiste, zum beruhigen.
Nach einiger Zeit, haben wir den Deckel von der Kiste genommen, damit er wieder wegfliegen kann. Der war so klein, dass er die 20cm hohe Kistenwand nicht rauf kam. Aus dem Nest gefallen und noch nicht flugfähig - oh man, hier war was los. Also blieb der kleine Vogel über Nacht im Haus in der Kiste (draußen waren zu viele Katzen).
Das nächste Problem - was frisst so ein Vogel? Nach einem Telefonat mit einer Freundin und einem Besuch im Internet wurden Haferflocken eingeweicht, der Collienase Rinderherz vom Futter abgezweigt und der kleine Spatz gefüttert, alleine trinken konnte er auch nicht.
Jetzt zog ein Gewitter auf, das konnten wir gerade brauchen. Der große Spatz saß immer noch im Schacht, hatte mittlerweile Gesellschaft von einer Maus bekommen, die das Futter klaute. Der Regen hielt sich in Grenzen, so dass der Spatz im Schacht zwar nass war aber immer noch da rumlief.
Am nächsten Morgen um 6 Uhr aufgestanden (am Feiertag) und den kleinen Spatz gefüttert und nach dem großen im Schacht geschaut, der war nicht da.
Den kleinen haben wir mit der Kiste auf den Terrassentisch gestellt. Jetzt kamen die großen Spatzen angeflogen und saßen da und schauten. Ich raus, den Deckel von der Kiste genommen und wirklich Vater Spatz kam und fütterte den kleinen, aus dem Nest gefallenen, in der Kiste. Mit viel Mühe und mit Hilfe des Heuhaufens in der Kiste gelang es, den kleinen aus der Kiste zu kommen, und er hüpfte ab in den Garten (fliegen kann er ja nicht). Aber wenn die Eltern ihn füttern, hat er eine Chance.
Nun wieder zum Spatz im Schacht, jetzt hatte ich den Kescher umgebogen, so dass der flach am Boden des Schachtes lag und einen Ast mit Zweigen der Korkenzieherhaselnuss umwickelt und auch in den Schacht gestellt. Gegen Nachmittag saß der Vogel plötzlich auf dem Kescher, jetzt oder nie, ich den Kescher hochgezogen - und ich hatte ihn. Nach 44 Stunden im Schacht war sie wieder frei (ein Spatzmädchen).
Ab in die inzwischen gesäuberte Kiste. Sie war putzmunter, fraß, trank und versteckte sich im Heu. Der Flügel, wo die ganzen Federn fehlten, sah nicht schön aus, aber sie war munter und fraß und schaute aufmerksam um sich.
Am nächsten Morgen lag sie apathisch auf der Seite und sah gar nicht gut aus. Um 9.30 Uhr am Pfingstmontag ist sie gestorben, und unter Glockengeläut haben wir sie eine Stunde später im Garten beerdigt.
Der andere kleine Spatz hüpft nach wie vor durch den Garten und wird gefüttert.
(Gabriela Henrich)